AllgemeinXCO

MTB-WM in Tschechien – ein Hauch von UEFA EURO in Frankreich

Dass die Tschechen ein mountainbikeverrücktes Volk sind, ist ja nichts Neues. Dass es dort aber so abgehen wird, hätte ich niemals erwartet. Das fing schon damit an, dass die Eröffnungsfeier der WM am Mittwochabend live im tschechischen TV gezeigt wurde. Ich fühlte mich sofort an die deutsche Berichterstattung zur EURO in Frankreich erinnert. Ondrej Cink als Experte im Studio, der gefühlt mehr Fernsehzeit bekam, als der gesamte deutsche Mountainbikesport im ganzen Jahr. Selbst in der Werbepause konnte man sich dem Einfluss diverser Mountainbikehersteller nicht entziehen und erkannte sogar das ein oder andere bekannte Gesicht als Werbeträger.
Für mich begann die WM ebenfalls im Fernsehen. Ich war wieder für die deutsche Staffel nominiert und wie bei der EM hatte ich die Aufgabe als Zielfahrer das Rennen nach Hause zu fahren. Das alles LIVE im TV! Nachdem ich meine Sachen gepackt hatte, schaltete ich im Hotel nochmals den Fernseher an und war extrem überrascht, dort schon zwei tschechische Reporter vor dem großen UCI Zielbogen zu sehen, die offenbar einen sehr langen Vorbericht zum Teamrelay moderierten. “Endlich mal eine richtig große Bühne” dachte ich und war gleich noch motivierter als ich es ohnehin schon war.

ALL

Start der U23 – Impressionen der Zuschauer

Das Rennen startete um 18:00 mit unserer MTB-Legende Manuel Fumic als Startfahrer. Immer, wenn ich mit Manni zusammen an den Start gehe, muss ich unweigerlich an den NRW-Cup 2003 in Wetter denken. Ich hatte gerade meinen ersten U11-NRW-Cup-Gesamtsieg unter Dach und Fach gebracht und war total begeistert, meine Vorbilder Manuel & Lado Fumic beim Bundesligarennen zu sehen. Nach dem Rennen wollte ich mir von beiden mein Führungstrikot signieren lassen. Manuel sagte damals, dass das nicht ginge, weil es ja mein Führungstrikot sei und ich es gewonnen hätte und nicht er. Deswegen unterschrieben beide dann auf einem anderen Trikot. Damals war ich wirklich beeindruckt von beiden und wollte umso mehr meinen Traum, Radprofi zu werden weiterverfolgen. Heute stehe ich gemeinsam mit Manni für Deutschland am Start und realisiere immer mehr, dass ich meinen Traum von damals wahr gemacht habe.
Leider erwischte Manni diesmal keinen besonders guten Tag und verlor über 40 Sekunden auf U23 Europameister Victor Koretzky. Für Niklas, Helen und mich wurde das Rennen dadurch zwar nicht einfacher, aber wir wussten, dass das die Chance war, Manni, der schon so viel für den deutschen MTB-Sport getan hat, etwas zurück zu geben. Umso motivierter ging´s weiter. Niklas Schehl führ ein wahnsinniges Rennen und überholte Fahrer um Fahrer, bis er schließlich auf dem Silberrang auf Helen Grobert übergab. Helen behauptete sich ebenfalls klasse im Feld der Frauen und zeigte, dass sie nicht umsonst für RIO nominiert ist. Gegen die Übermacht der Tschechin Kathrina Nash war sie allerdings -genauso wie alle anderen Damen- chancenlos. Ähnlich wie die Franzosen bei der EURO, zeigten die Tschechen mal wieder, wie beflügelnd ein heimisches Publikum sein kann. Und so kam es, dass ich 5 Sekunden hinter Tschechien und zeitgleich mit der Schweiz ins Rennen ging. Es ging um Silber und Bronze bzw. Holz. Grundsätzlich eine super Chance für mich, wenn meine Gegner nicht Jaroslav Kulhavy und Lars Forster gewesen wären. Der eine amtierender Olympiasieger und der andere Weltcupgesamt-Sechster. Jetzt erst Recht; zu verlieren hatte ich ja nichts. Als erstes wollte ich gleich zu Beginn an das Hinterrad des Olympiasiegers. Wenn ich das schaffe und es mir gelingt, das zu halten, hätte ich sicherlich eine gute Medaillenchance. Es gelang mir tatsächlich die 5 Sekunden Vorsprung von Kulhavy wieder zuzufahren. Ich hielt auch mehr als die Hälfte der Runde mit, gefühlsmäßig war ich dabei aber die ganze Zeit oberhalb des “all out”-Levels. Erst am vorletzten Anstieg konnte ich das Mördertempo nicht mehr mitgehen und auch Lars schaffte es nur noch kurz, Kulhavy zu halten. Silber war weg, Bronze lag zu diesem Zeitpunkt nur wenige Sekunden vor mir. Ich versuchte alles, doch am Ende waren es läppische 7 Sekunden, die uns fehlten. So mussten wir uns leider mit Rang Vier zufrieden geben. Allerdings auch mit der Gewissheit, dass es, Weltmeister Frankreich mal ausgeklammert, extrem knapp war.
An dieser Stelle schon einmal Danke an das deutsche Team für die hervorragende Unterstützung. Es war mir wie immer eine Ehre Teil dieses Rennens zu sein. Danke vor allem auch an Freddy und Frosti, unsere beiden Physiotherapeuten / Mädchen für alles, die uns alle top versorgten und z.B. meinen leicht zwickenden Oberschenkel mit Tape behandelt haben.

13d, Kulhavy, Jaroslav, Specialized Racing, , CZE 5d, Zwiehoff, Ben , Bergamont Factory Team, MTB Sportverein Steele, GER

13d, Kulhavy, Jaroslav, Specialized Racing, , CZE
5d, Zwiehoff, Ben , Bergamont Factory Team, MSV Essen-Steele 2011, GER

Mit der sechstbesten Staffelzeit war ich letztendlich sehr zufrieden und optimistisch für das U23-Rennen zwei Tage später. Dass die harte Belastung der Staffel nicht spurlos an meinen Beinen vorbeigegangen ist, habe ich am Samstag bereits vor dem Start gemerkt. Um 11 Uhr (also nur 40 Stunden nach der Staffel) stand ich mit über 100 anderen extrem motivierten U23-Sportler am Start. Die Anspannung war wie immer in der Luft zu spüren. Mein Bergamont Fastlane war mit den Parts von SunRingle und Answer, den Bremsen von Magura, den Maxxis Ikon-Reifen und dem Maßsattel von Gebiomized absolut perfekt auf die Strecke in Nove Mesto eingestellt und meine Form auf dem Papier auch hervorragend. “Was soll´s? Gehen wir es an, auch mit schweren Beinen…” dachte ich, als der Sprecher das bekannte “Riders, the start will take place anytime in the next 15 seconds” ins Mikro schrie. Tatsächlich erwischte ich einen hervorragenden Start und fand mich nach wenigen hundert Meter direkt in Führung wieder und wusste, dass es heute zwar extrem hart werden würde, aber sicher einiges drin sein sollte. Leider konnte ich die Spitzenbelastungen, die man auf einer Strecke wie in Nove Mesto gerade an den kurzen Anstiegen braucht, nicht wie im Staffelrennen abrufen. Daher verpasste ich auch die sich bildende Spitzengruppe um ein paar Sekunden und lag so zunächst in der Verfolgergruppe, die um die Plätze 5-9 kämpfte. Im Laufe des Rennens gesellte sich auch mein guter Freund, Georg Egger dazu, der einen extremen Sahnetag erwischt hat. Leider konnte ich seiner Tempoverschärfung nicht folgen, da ich genau in dieser Runde ein für mich unerklärliches Loch hatte. Loch heißt an dieser Stelle zwar immer noch die  8. schnellste Rundenzeit, für ganz vorne reicht das aber eben nicht. Extrem bitter zu sehen, dass man das Rennen um die Medaillen letztlich mit einer Top-Acht-Rundenzeit verliert. Zum Glück fing ich mich eine Runde später wieder und konnte die letzten beiden Runden nochmal Top 5 Rundenzeiten produzieren. Am Ende verlor ich leider noch ganz knapp meine Aufholjagd gegen den Franzosen Titouan Carod, der den Weltcup in La Bresse gewonnen hatte. Auch er musst letztendlich dem hohen Tempo an der Spitze Tribut zollen und ging -wie wir Fahrer sagen- “völlig schwarz”, rettet aber wenige Sekunden Vorsprung vor mir ins Ziel. So überquerte ich die Ziellinie als 7. der Welt, an einem Tag, an dem meine Beine eigentlich nicht besonders viel hergegeben haben. Georg wurde hervorragender Vierter und Lukas Baum kam nach großem Kampf auf Neun rein, so dass die deutsche Nationalmannschaft das beste U23-Ergebnis seit langem eingefahren hat. Damit können wir und auch unser Bundestrainer “Speedy” Schaupp sicher sehr zufrieden sein. Sehr gefreut habe ich mich auch für meinen Südafrika-Trainingspartner Marcel Guerrini, der sich die Bronzemedaille gesichert hat. Harte Arbeit zahlt sich am Ende immer aus!

25, Zwiehoff, Ben , Bergamont Factory Team, MTB Sportverein Steele, GER

25, Zwiehoff, Ben , Bergamont Factory Team, MSV Essen-Steele 2011, GER

Damit war die WM in Nove Mesto für mich auch schon Geschichte. Was bleibt ist die Erinnerung an das absolut beste XCO-Event, was es wohl jemals gab. Ich bin froh Teil dieser riesigen Familie zu sein und freue mich schon im nächsten Jahr meine Elitekarriere genau da wieder zu beginnen.

25, Zwiehoff, Ben , Bergamont Factory Team, MTB Sportverein Steele, GER

25, Zwiehoff, Ben , Bergamont Factory Team, MSV Essen-Steele, GER

Danke an alle, die dieses geile Wochenende möglich gemacht haben. An mein Team Bergamont, alle unsere Sponsoren, den BDR, Gebiomized, Schürholz Brille und Linse, die ganzen Zuschauer und vor allem an meine Eltern, ohne die der kleine Junge von 2003 wohl niemals da angekommen wäre, wo er heute ist.

Weiter geht es jetzt mit dem Weltcup in Lenzerheide kommenden Sonntag. Drückt mir die Daumen, dass ich vielleicht sogar nochmal ein bisschen weiter vorne lande.

Menü