U23 Vorbei – Jetzt kommt die Elite-Zeit

U23 Vorbei – Jetzt kommt die Elite-Zeit

 

„2016, in 2016 entscheidet sich, ob dein Traum Radprofi zu werden Realität sein kann oder ob du es nicht schaffen wirst. Wenn du willst, dann mach ich aus dir einen gestandenen Elite-Fahrer mit Entwicklungspotential nach ganz oben. Denk nicht an die U15, nicht an die U17, nicht die Juniorenzeit oder an die U23. Wir planen länger. Es wird extrem schwierig, es kommen ganz unterschiedliche Widrigkeiten. Schule, Freunde, Parties, Verletzungen, schwere Phasen und Defekte; all das sind Steine auf dem Weg und nur, wenn du diese Steine hinter dir lassen kannst, dann wirst du in der Elite zu den Besten gehören.“ Das waren die Worte meines Vaters nach meiner ersten deutschen Meisterschaft 2007. Ich war gerade 25. geworden. Ein kleiner Junge mit Talent im Trial und Slalom, aber gegenüber meiner Konkurrenz mit Rückstand in der körperlichen Entwicklung und ohne Chancen auch nur einmal vorne zu fahren im nationalen Vergleich. Vorher bis einschließlich 2006 hatte ich so ziemlich jedes Rennen gewonnen, was man in NRW in der U11 oder U13 gewinnen konnte. So hätte es meinetwegen auch 2007 weitergehen können, doch die Realität war eine andere…

Damals vs. Heute mit Majlen Müller damals vs. heute: mit Majlen Müller

Ich kann mich an einen Nachmittag erinnern, an dem ich besonders ins Zweifeln geriet und nicht wusste, ob ich weiter machen soll oder nicht. Andere 13-Jährige hätten längst die Brocken geschmissen, da war ich mir sicher. Aber irgendwas hielt mich bei der Sache. Irgendwas sagte mir, dass ich nicht aufgeben sollte. Vielleicht war es die Tatsache, dass Mountainbiken irgendwie immer zu meinem Leben gehörte. Ich meine, mein erstes Rennen war 1997, da war ich gerade mal 3 Jahre alt. Wer jetzt glaubt, dass eifrige Eltern mich dort an den Start gestellt haben, liegt falsch. Mein Vater wusste nicht einmal, dass ich Rennen fahre, denn er war zu diesem Zeitpunkt selbst im Rennen um den Sieg im NRW-Cup aktiv. Meine Mutter und ich waren zusammen mit meiner Tante und meinem Onkel als Zuschauer mitgefahren und ich bestand darauf, im Kinderrennen zu starten. So war es mein Onkel, der vom Radsport eigentlich gar nichts wusste, der mich bei meinem ersten Rennen betreute. Ich selbst wusste natürlich auch nicht viel und so entschied ich mich trotz Anfeuerung auf Überholvorgänge zu verzichten und einfach nur dabei zu sein. Ging es hierbei erst einmal nur um Spaß und dabei sein, so war aber doch mein Ehrgeiz geweckt. Und bald folgte der erste Sieg und der Wille, diesen Erfolg zu wiederholen wurde von Mal zu Mal stärker.

Dass ich nicht unbedingt dem Mainstream folgte, wusste ich schon vorher. Ich aus dem Ruhrpott und dann Mountainbiken? Fußball oder vielleicht noch Handball, das wäre doch viel naheliegender, oder? Das machen, was alle in meinem Alter machten? Nein, danke.
Auch irgendwie anders als andere in der Grundschule. Die Lehrer sagten, ich sei unterfordert und schickten mich zum IQ-Test; Ergebnis: Bitte die zweite Klasse überspringen und somit noch weniger Mainstream.
Ich kann mich noch an mein erstes Freundschaftsbuch erinnern. Für alle, die nur noch auf Facebook, Instagram und Snapchat abhängen: Freundschaftsbücher sind die Dinger, in denen idealerweise alle deiner Freunde einen Steckbrief ausfüllen und ein Foto von sich einkleben. Mein Teil blieb mir aus einem Grund immer in Erinnerung. Alle hatten unter dem Punkt „Berufswunsch“ sowas wie Polizist, Feuerwehrmann, Anwalt oder Astronaut eingetragen. Ich trug konsequent „Radprofi“ ein. Anfang der 2000er Jahre war der Beruf Radfahrer eigentlich nur auf der Straße anerkannt, so dass mein Berufswunsch im MTB-Bereich aus damaliger Sicht schon ziemlich unrealistisch war. Alles andere als „Mainstream“ also.

Die Schnittstelle für mich als Sportler zum "normalen" Leben in der Arbeitswelt - Die Sportstiftung NRW

Die Schnittstelle für mich als Sportler zum „normalen“ Leben in der Arbeitswelt – Die Sportstiftung NRW

Normalität gab es selten in meinem Leben. Es war eine Mischung aus Sonderbehandlung, wie z.B. bei meinen regelmäßigen Trainingslagern während der Schulzeit und Rechtfertigung, wenn mal wieder jemand gefragt hat, warum ich den „ganzen Scheiß überhaupt mache“. Eine Frage, die ich mir auch mehr als einmal selbst gestellt habe. Die Antwort war immer die gleiche: „Weil es verdammten Spaß macht und ich einen Traum habe!“. Das war auch das, was ich mir an oben genannten Nachmittag 2007 sagte, bevor ich mein Bergamont Platoon Team griff und im strömenden Regen mein Training absolvierte.
„Weil ich einen Traum habe!“. Wir leben in einer Welt, in der uns häufig verboten wird, zu träumen. Uns Deutschen geht es darum, möglichst sicher durchs Leben zu gehen. Versicherungen hier, Altersvorsorge dort, Studium, fester Job, usw. Es gibt immer weniger Selbstständige und immer weniger Menschen, die das machen, was ihnen Spaß macht und sie erfüllt.
Wenn man wie ich einen Traum hat, dann muss man sich im besten Fall oft dafür rechtfertigen und wird im schlechtesten Fall dafür ausgelacht, alles dafür zu tun, dass sich dieser Traum erfüllt. Für mich war es seit ich Denken konnte selbstverständlich, dass sich harte Arbeit auszahlt und dass man erfolgreich ist, wenn man Spaß an etwas hat. Ich meine, es gab für mich auch nie einen Grund an meinem Weltbild zu zweifeln. Anfangs dachte ich immer noch, dass alle meiner Mitmenschen so denken würden, doch je älter ich wurde, desto mehr wurde mir klar, dass Träumen und für einen Traum zu arbeiten echt was Besonderes sein muss. Alles andere als Mainstream also.

Einer der ersten PR-Termine als Profi ; mit meinem besten Freund Florian zu Gast bei Steele TV

Einer der ersten PR-Termine als Profi ; mit meinem besten Freund Florian zu Gast bei Steele TV

Auf sportlicher Ebene lief in den folgenden Jahren auch nicht alles rund. Ich habe viel Lehrgeld an vielen verschiedenen Stellen bezahlt und hatte echt viele schlechte Erfahrungen dabei. Aber auch sie gehörten zum Plan, den mein Vater mir 2007 eröffnet hatte. Mein erster Nationalmannschaftseinsatz 2010, mein erster Weltcup 2011, meine erste (und einzige haha…) DM-Medaille 2012, meine erste internationale Medaille 2014, mein erster Europameistertitel 2015 und meine ersten Elite-Bundesligasiege 2016, all das waren Momente, die mir gezeigt haben, dass mein Vater entweder ganz viel Glück bringt oder aber unser Plan funktioniert. So langfristig zu planen und zu arbeiten, für mich seither normal, doch wieder: je älter ich wurde, desto mehr wurde mir klar, dass das was Besonderes sein muss. Nicht Mainstream halt.

Einer der schönsten Tage - Europameister 2015 mit der deutschen Staffel

Einer der schönsten Tage – Europameister 2015 mit der deutschen Staffel

Nach meiner erfolgreichen zweiten U23-Saison und mit der Perspektive, einer der besten deutschen Mountainbiker werden zu können, unterschrieb ich bei Bergamont meinen ersten Vertrag, mit dem ich meinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Ich als mountainbikender Jurist (Mainstream lässt grüßen) weiß: „Beruf iSv Art. 12 I GG ist jede auf Dauer angelegte, der Schaffung und Erhaltung einer Lebensgrundlage dienende Betätigung anzusehen, die nicht schlechthin gemeinschädlich ist.“ Und genau das war mein erster Vertrag bei Bergamont. Hier schloss sich für mich ein Kreis. Der kleine Junge, der in alle Freundschaftsbücher „Radprofi“ als Berufswunsch reingekritzelt hatte und dafür oft belächelt wurde, hat seinen Traum wahrgemacht. Hat sich damals echt richtig überragend angefühlt.
Klar hatte mich der Mainstream auch ein wenig eingeholt. Mein Abitur habe ich 2012 gemacht, seitdem Jura studiert und an meiner Karriere nach dem Radsport gearbeitet. Doch als 2014 für mich als U23 Fahrer meine Profikarriere begann, fühlte ich, dass ich damit außerhalb des Mainstreams bin.

CAMPUSKÖPFE der RUB - bei 50.000 Studierenden muss man schon was Ausgefallenes machen um dem Mainstream zu enteilen.

CAMPUSKÖPFE der RUB – bei 50.000 Studierenden muss man schon was Ausgefallenes machen um dem Mainstream zu enteilen.

„Wie ist es so als Mountainbikeprofi? Was macht man so den ganzen Tag? Kann man doch nicht als Job bezeichnen oder? Kann man davon leben?“. Das sind so die typischen Fragen, die mir im Alltag, wenn ich neue Leute kennenlerne, gestellt werden. Viele Menschen denken, dass man morgens aufsteht, drei Stunden trainiert und dann chillen kann. Das mag an manchen Tagen stimmen. Oftmals -und mit oftmals meine ich an fünf von sieben Tagen- sieht der Tag aber anders aus. Aufstehen, Frühsport, Frühstück, Ausdauertraining, Mittagsschlaf, Krafttraining, lockeres Ausfahren, Bike checken, Stretching, Abendessen, Social Media, ADAMS und Buchhaltung klingen dann schon weniger entspannt oder? Dazu noch Studium, Reiseplanung usw… Arbeitstage mit 8-10 Stunden sind für Profisportler genauso selbstverständlich wie am Wochenende zu arbeiten und ganzjährig auf Urlaub zu verzichten. All das macht super viel Spaß und erfüllt zumindest mich jeden Tag aufs Neue. Aber ist es deshalb weniger anstrengend? In Deutschland leben viele Menschen, die glauben, dass „Arbeit=Arbeit“ ist und Spaß in die Freizeit gehört. Ich gehöre zu denen, die der Meinung sind, dass Arbeit immer Spaß machen sollte und jeder etwas finden sollte, was ihn auch nach Feierabend glücklich macht, was ihn erfüllt, wie mich das Radfahren erfüllt. Deshalb fühlt sich Sport als Beruf auch weniger nach Arbeit an. Es ist Arbeit, die Spaß macht. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Mainstream? Fehlanzeige.

Dafür, dass die Saison so angefangen hat, war´s noch ganz gut ;-) NW Fotografie

Dafür, dass die Saison so angefangen hat, war´s noch ganz gut 😉 NW Fotografie

In 2016 hatte ich mir große sportliche Ziele gesetzt. Ich habe trotz meines Alters offen kommuniziert, dass Olympia in RIO für mich ein Thema ist und dass ich die Anforderungen erfüllen will. Ich musste im Mai zum Qualifikationszeitraum fit sein und ein Top 2 Ergebnis in den ersten drei Weltcups oder bei der EM fahren. Diese Zielsetzung habe ich mit allen meinen Betreuern besprochen und einen Plan entwickelt. Dass ich mir zum schlechtesten Zeitpunkt, den es eigentlich gab, eine vierwöchige Grippe eingefangen habe und fünf Wochen vor dem ersten Weltcup mit Fieber im Bett lag, war einfach Pech, eben ein weiterer Stein auf dem geplanten Weg. Trotzdem verfehlte ich die Norm bei der EM als Vierter nur denkbar knapp. Im Weltcup fehlte deutlich mehr nach ganz vorne, was aber durch die Krankheit durchaus zu erklären war. Als Ergebnisse stehen in 2016: Vierter bei der EM, Siebter bei der WM, die Plätze 5, 9 & 10 im Weltcup, Bronze mit der EM-Staffel, Platz Vier mit der WM-Staffel, zwei Elitebundesligasiege, Siege bei UCI Rennen, Landesmeistertitel im XCO und CX und jede Menge neuer Erfahrungen. Ich habe die ganze Welt bereist, war auf fünf Kontinenten und jede Menge neue Menschen kennen gelernt. Ziel RIO also verfehlt, wie geht´s weiter? Zum Glück habe ich mit Bergamont einen Partner an meiner Seite, der genauso langfristig denkt.

BRONZE bei der EM - Medaillensammlung komplett

BRONZE bei der EM – Medaillensammlung komplett

Und so haben wir die seit 15 Jahren andauernde Zusammenarbeit um weitere 4 Jahre verlängert. Auf der EUROBIKE habe ich meinen Vertrag mit Bergamont bis zum nächsten großen Ziel Tokio 2020 verlängert. Ich werde also auch in den nächsten vier Jahren als „jurastudierender Radprofi“ unterwegs sein. Ich bin so dankbar, dass mich meine Freunde aus Hamburg weiter unterstützen und dafür sorgen, dass ich meinen Traum leben kann. Danke an jeden einzelnen Bergamontler! Ich fühle mich total wohl und identifiziere mich zu 100 Prozent mit der Marke Bergamont. Ich werde eure Farben auch die nächsten vier Jahre mit sehr viel Stolz bei Rennen auf der ganzen Welt tragen und keine Gelegenheit auslassen wie mein Teamchef Matthias zu sagen: „Kauft mehr Bergamont und Ihr werdet glücklich!“.

Vertragsverlängerung bei BERGAMONT - Projekt TOKIO 2020 (#pt2020) beginnt jetzt

Vertragsverlängerung bei BERGAMONT – Projekt TOKIO 2020 (#pt2020) beginnt jetzt

Danke auch an alle Teamsponsoren, die es möglich machen, dass wir nicht nur die besten Bikes zur Verfügung haben, sondern auch passende Klamotten und Helme tragen können.

Danke an meine privaten Ausrüster und Supporter: Ich danke Gebiomized fürs Fitting und die Sättel, Jörg Schürholz für die geilen Oakley-Brillen, Reiner Petrat für meine wöchentliche Massage, den OSPs in Essen und in Köln für die sportliche sowie berufliche Beratung und Betreuung, der Sportstiftung NRW für die monatliche Förderung und fürs Projekt „Zwillingskarriere“, dem BDR für die Betreuung auf den Weltcups und internationalen Meisterschaften, danke an die Ruhrpottbiker für den Support aus der Heimat und an alle meine Freunde die mir in jeder Lebenslage den Rücken frei halten.

Danke an alle, die mir auf den diversen Social-Media-Plattformen folgen und vor allem auch hier fleißig mitlesen. Ihr seid die Besten!

Danke an alle, die damals geschmunzelt und gelacht haben, als ich sagte, dass ich Radprofi werden möchte. Ihr seid mir jeden Tag eine zusätzliche Motivation.

DANKE an meine Mutter, die oftmals im Hintergrund agiert und täglich dafür sorgt, dass ich meinen Traum leben kann und immer Verständnis für meinen Job hat! Du bist die beste Mutter auf der Welt!

Meine Mama und ich bei der EM 2014

Meine Mama und ich bei der EM 2014

DANKE an Hansjörg, meinen Trainer, meinen Motivator, meinen Manager, meinen Betreuer, meinen Mechaniker, meinen Buchhalter, meinen Reiseveranstalter, meinen Berater, aber vor allem DANKE an meinen PAPA, der all diese Aufgaben auf sich selbst vereint und mir mit diesem Einsatz seit Tag 1 meinen Weg geebnet hat. Auch wenn wir manchmal anecken, werde ich dir niemals das zurückgeben können, was du in deinem Leben für mich getan hast! Ich werde das was ihr beide, Mama und Papa, mir tagtäglich vorgelebt habt, irgendwann meinen Kindern weitergeben! Ihr seid die besten Eltern!

Brauch man keine Worte

Brauch man keine Worte

U23 vorbei, jetzt beginnt die Elite-Zeit. Ich werde noch ein paar Tage in Hamburg Urlaub machen, bevor Mitte Oktober dann meine Vorbereitung auf mein erstes Elite-Jahr beginnt. Urlaub machen, wo mein Arbeitgeber sitzt? Auch nicht gerade Mainstream oder?

In diesem Sinne: Danke fürs Lesen und ride on!

Euer Ben